Sonntag, 18. August 2019

Porträt einer jungen Damen

Ein wunderschönes Buchcover vom ars vivendi Verlag 

Henry James Schreibstil erinnert mich immer an einen intellektuellen Großvater, der im Schaukelstuhl sitzt und mit einem Cognac in der Hand Geschichten zum Besten gibt. Dabei habe ich aber einen ganz bestimmten Großvater im Kopf, dieser ist hoch gebildet, ist weit gereist - hat den Ozean mehrmals überquert, sich in die ein oder andere adrette Dame verliebt und kennt die Konventionen, die sich für eine adelige Gesellschaft schicken. Vor allem hat dieser Großvater meistens für die weiblichen Akteure seiner Geschichten immer etwas Außergewöhnliches geplant. So auch in dem Buch "Das Porträt einer jungen Dame"!

Inhaltlich gesehen handelt es sich bei diesem Buch um eine klassische Geschichte von Liebe und Verrat. Die junge Amerikanerin Isabel Archer kommt nach Europa, um ihre Verwandten zu besuchen und lehnt dabei das Hochzeitsangebot eines angesehenen Lords ab. Stattdessen heiratet sie auf einer Italienreise einen Blender und die Ehe entpuppt sich als einziges Martyrium. Erst im Verlaufe der Erzählung werden dann die wahren Beweggründe dieser Heirat beleuchtet, sowohl von Isabels Seite als auch von ihrem nichtsnutzigen Ehemanns. 

Henry James Erzählung konzentriert sich primär auf die Hauptprotagonistin Isabel Archer und ihr Schicksal. Der Autor schildert das Innenleben dieser Figur umfangreich, aber leider macht er es dabei seiner Leserschaft nicht einfach, diese Figur auch zu mögen. Sie wirkt zumindest am Beginn der Erzählung sympathisch, dies ändert sich dann nach und nach. Als höchstes Ideal sieht Isabel Archer zwar ihre Unabhängigkeit und möchte sich selbst treu bleiben, aber irgendwo zwischen den vielen Seiten der Lektüre verliert sich diese Attitüde dann und Isabel gleicht plötzlich einer naiven und langweiligen Frau, die sich schließlich doch einem Manne hingibt und in seinem Schatten lebt. Der Mann für den sich Isabel letztendlich entscheidet, ist für meinen Geschmack von Henry James einfach zu unrealistisch gezeichnet worden. Als literarische Figur hat er mich als Leserin einfach nur genervt, alles, was er in den vielen Dialogen von sich gibt, ist zu dick aufgetragen, zu weit entfernt von einem menschlichen Charakter der realen Welt. Niemand würde so denken und sprechen!

An den Nerven der Leserschaft zerrt auch das von Henry James konzipierte Dreiergespann, bestehend aus Isabel Archer, ihrem Mann und der Figur des Lord Warburton, dessen Hochzeitsangebot sie ja ablehnt. Lord Warburton ist edel, hat gute Absichten und ist als Figur einfach angenehm. Als Leserin habe ich mir gewünscht, dass Isabel sich letztendlich doch besinnt und für ihn entscheidet. Immer wieder taucht also seine Figur auf und lässt den Leser bzw. die Leserin hoffen, dass Isabel nicht nur die Erwartungen der Leserschaft, sondern auch die ihrer Zeitgenossen erfüllen möge. Nun ja, das erhoffte Happy End bleibt aus.

Es fällt auf, dass Henry James in diesem 1881 erschienen Roman vor allem die weiblichen Figuren in den Fokus rückt. Alle Frauen leben und wirken nicht  ihrer Zeit entsprechend. Sie sind unabhängig und denken für sich selbst. Henrietta Stackpole beispielsweise ist berufstätig und verdient ihren Lebensunterhalt selbst. Isabels Tante ist zwar pro forma verheiratet, lebt aber völlig unabhängig von ihrem Mann und reist alleine um die Welt. Auch das Weltbild der Protagonistin Isabel Archer spiegelt nicht das Denken einer Frau, die um 1800 lebte, wieder. Aber woher kommt Henry James Idealvorstellung von einer eigenständigen Frau?

Man muss bedenken, dass Henry James in einer Zeit lebte, die bereits feministische Züge hatte. 1877 existierte bereits der Begriff "new woman", den auch Henry James Schriftsteller-Kollegen unterstützten. Charles Reade beispielsweise prägte diesen Begriff in seinem bekannten Roman "A Woman Hater". Mit diesem Ausdruck wurde versucht, das eh schon von Politik und Mode geändertes Frauenbild ein Stückchen weiter Richtung Gleichberechtigung zu forcieren. In der Literatur bemühte man sich vor allem darum, unabhängige Frauen zu charakterisieren. Henry James konzentriert sich in vielen seiner Bücher auf Ex-Amerikanerinnen, die zumeist vermögend sind und im Unterschied zu europäischen Frauen in dieser Zeit heben sie sich dann durch ihren freien Geist und ein Handeln in Eigenverantwortung ab. Ein schöner Stoff, um Bücher zu schreiben.

In dem Buch "Das Porträt einer jungen Damen" bewegt sich Henry James Erzählung in oben geschildertem Milieu. Isabel Archer ist Amerikanerin, unabhängig und vermögend. Der einzige Fehler, den sie macht, ist sich auf einen (falschen)  Mann einzulassen.

Meine Meinung:

Das Buch ist mit über 666 Seiten etwas lang. Teilweise plätschert die Handlung seitenlang so dahin, ohne dass irgendetwas Nennenswertes passiert. Auch fand ich die Passagen über Pantsy, die Tochter von Isabels Mann einfach nur langatmig und unnötig. Mit der richtigen Kürzung wäre das Buch wahrscheinlich angenehmer zu lesen. Über die Figuren kann ich nur sagen, dass mir eigentlich keine einzige davon wirklich sympathisch war. Als Lektorin hätte ich viele ihrer Dialoge gekürzt und auch insgesamt fehlt dem Buch eine ordentliche Portion Rotstift XD. Es ist vielleicht auch etwas schwer ein Buch zu bewerten, dessen gesamte Figurenkonstellation auf Antipathie beim Leser bzw. bei der Leserin trifft. Für mich gibt es aber einfach bessere  Henry James Bücher.

★ ok

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