Montag, 31. Dezember 2018

Landpartie

Manesse Verlag  2018 / insgesamt 739 Seiten /  München

Deutsche Literatur hat für mich den Beigeschmack trocken und langweilig zu sein. Oft fehlt den großen Werken der deutschen Literatur die Passion, die manch französischer Schriftsteller in seine Bücher packt oder wenn ich sie mit der englischen Literatur vergleiche, dann geht mir manchmal auch die Atmosphäre ab. Irgendwie verbinde ich deutsche Literatur dann auch sehr oft mit meiner Schulzeit, in der ich gezwungen war, all die "schwere Kost" zu lesen, die mein teenagerhaftes Denkvermögen einfach nicht imstande war zu begreifen. Und zugegeben, wer liest im Alter von 12 Jahren schon gerne Texte in Drama-Form? 

Einige Lichtblicke gibt es allerdings: Hermann Hesse, Michael Ende, Theodor Storm und Goethe zählen heutzutage zu meinen Lieblingsautoren, aber dann ist auch schon Ende im Gelände. Umso erstaunter war ich dann, als ich den deutschen Schriftsteller Eduard von Keyserling für mich entdeckte. Warum Keyserling als deutscher Schriftsteller betrachtet wird, ist mir zwar ein Rätsel, denn genau genommen, entstammte er eigentlich dem baltischen Zweig der ländlich-adeligen Familie Keyserlingk, die im heutigen Lettland ein Schloss namens Paddern bewohnte. Wer mich hierzu also genauer aufklären kann, möge dies tun! 

Wie ich nun auf Keyserling gestoßen bin, ist einfach. Es gibt da einen wunderbaren deutschen Verlag, der mit viel Liebe und Engagement Klassiker neu übersetzt und diese als Schmuckausgaben an den Mann / an die Frau bringt, sprich: ich stöbere immer wieder auf der Manesse -Homepage, wo mir auch Keyserlings Buch ins Auge gestochen ist. 

Keyserlings Werk "Eine Landpartie. Gesammelte Erzählungen" widmet sich bis auf ein paar Ausnahmen dem Leben der Adeligen des 19. Jahrhunderts und setzt dabei den Fokus auf die Jahreszeit Sommer. Das vom Verlag zusammengestellte Buch enthält mehrere Kurzgeschichten, die zum Großteil ihre Handlung im Sommer haben. Wobei ich auch sagen muss, dass bei Keyserlings Erzählungen nicht die Handlung selbst im Mittelpunkt steht. Vielmehr macht seine Erzählweise Lust auf die Geschichten, denn sie ist poetisch und fällt sehr lyrisch aus. Keyserling ist als Erzähler mehr Zuseher, der Situationen und Stimmungen wiedergibt, wie sie beispielsweise ein Maler machen würde, wenn er denn dazu Worte gebräuchte. Im Anhang der Manesse-Ausgabe beschäftigt sich auch Florian Illies mit Keyserlings Erzählkunst und gibt Tipps wie der Leser bzw. die Leserin einen Keyserling gebrauchen könnte. Darin findet er eine gute Erklärung, warum es der Autor schafft, so stimmungsvoll und detailreich einen Sommerabend zu beschreiben. Keyserling litt an Syphillis, die auch dazu beitrug, dass er erblindete und somit alle Erlebnisse vor seinem geistigen Auge heraufbeschwören musste. Natürlich ist allgemein bekannt, dass sich alle anderen Sinne verschärfen, wenn wir auf zB unser Sehvermögen verzichten müssen.

Die Geschichten in diesem Buch sind nicht abenteuerlich, nicht besonders spannend und haben wie bereits erwähnt nur wenig Handlung, aber dennoch macht das Lesen viel Spaß, weil Keyserling beim Lesen den Sommer mit allen Facetten heraufbeschwört. Die lauen Sommerabende mit zirpenden Grillen, der Duft des Heus und das Licht der Abenddämmerung werden greifbar. Und obwohl die Geschichten nicht wirklich traurig sind, haftet an ihnen eine gewisse melancholische Grundstimmung, die so ein Sommer nun mal in sich hat, denn wie jeder weiß, hat auch der schönste Sommer ein Ablaufdatum.

Apropo Ablaufdatum, da Keyserling von der Fin de Siècle Bewegung beeinflusst war, die in der Literatur den Fokus auf alles Kunstvolle und Schöne setzte und durch den technischen Fortschritt die Vorherrschaft des Adels gefährdet sah, weil man befürchtete, dass die Industriealisierung die Gesellschaftsschichten durcheinanderwirbeln würde, herrschte eine Endzeitstimmung und die AutorenInnen dieser Zeit verfielen in ihren Werken dem Weltschmerz und der Melancholie. Dies ist auch bei Keyserlings Geschichte nachzuempfinden, aber Keyserling hingegen hat eher Spot für die obere Gesellschaftsschicht übrig, weshalb der Adel in seinen Geschichten auch als gelangweiltes, dekadentes und sich selbst überlassenes Volk porträtiert wird. So sitzen die Figuren auch in "Landpartie" in ihren Residenzen, Wein trinkend und lästernd, während um sie herum der Sommer langsam vor sich hin stirbt und in all ihrem Luxus und in all ihrer Dekadenz, haben sie nichts Besseres zu tun als ihre Nasen in das Leben anderer zu stecken.

Mir hat das Lesen dieses Buches sehr viel Spaß gemacht! Keyserling ist efrischend, Keyserling ist poetisch und lyrisch und Keyserling beobachtet ohne zu werten. Wer also nun mit dicken Socken zu Hause sitzt und sich ein bisschen nach Sommer sehnt, dem empfehle ich dieses Buch wärmstens, denn mehr Sommer wird man in keinem anderen Buch finden!

★ verschlungen!

Kommentare:

  1. Liebe Tinka,

    das Buch habe ich auch schon in der Vorschau gesehen. Ich hatte ja vergangenen Sommer über die Manesse Geschenkausgabe mit drei von seinen Büchern gebloggt. Keyserling ist für mich auf jeden Fall ein Geheimtipp und seine Art Landschaften zu beschreiben ist einfach ein Genuss, da kann ich dir nur zustimmen. Besonders hat mir ja Dumala gefallen, das ich bald wieder lesen werde. Da ist es der Winter, den er einfach wunderbar in Szene setzt, aber auch mit einer ganz schönen Geschichte aufwartet.

    Nachdem einige Bücher unterm Baum lagen werde ich mich erstmal zurück halten. Auf die Wunschliste kommt dieses Buch aber auf jeden Fall.

    Liebe Grüße
    Tobi

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    1. Lieber Tobi,

      Keyserling ist auf jeden Fall ein Geheimtipp, nicht viele kennen ihn, was ich sehr schade finde, denn einen Keyserling zu lesen, ist wie du schon sagst, ein Genuss!

      Dumala hab ich auch noch nicht gelesen, ist aber nun auf meiner Liste, da ich unbedingt auch ein längeres Werk von Keyserling lesen möchte. Landpartie hat ja eher Kurzgeschichten. Vielen Dank für deinen Tipp, den Winter und generell Bücher, die in dieser Jahreszeit spielen, mag ich sehr gerne :)))

      Ein frohes neues Jahr 2019! Lg zurück, Tinka

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  2. Liebe Tinka,
    die Landpartie habe ich mir auch kürzlich gegönnt und freue mich schon aufs Lesen. Keyserling mag ich sehr gern. Es gibt übrigens auch einen ganz gelungenen Roman über ihn von Klaus Modick "Keyserlings Geheimnis" - kann ich empfehlen. Undbedingt lesenswert ist auch "Wellen".
    Liebe Grüße
    Petra

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    1. Liebe Petra!

      Keyserling ist ja ein bisschen ein Geheimtipp! Aber es wundert mich nicht, dass du ihn kennst, deine Buchauswahl ist ja immer top! Mit Landpartie wirst du sicher deine (Lese)Freude haben! Wünsch dir jetzt schon viel Spaß damit!

      "Wellen" steht auch schon auf meiner Leseliste, hab nur Positives darüber gehört! Ich glaube, dass es auch eher kurz ist oder täusch ich mich da jetzt? Würde nämlich sehr gerne mal ein längeres Werk von ihm lesen, das hat mir bei Landpartie ein bisschen gefehlt, dass die Geschichten teilweise zu kurz waren ! Dieser Keyserling hat es vielen angetan :)))

      wünsch dir noch einen schönen Sonntag und liebe Grüße zurück und lieben Dank für die Buchempfehlung, muss ich mal stöbern!!!

      Tinka

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