Sonntag, 12. November 2017

Über die Melancholie


Ich mag Sonntage einfach nicht. Meistens weiß ich nichts mit mir anzufangen und gammle den ganzen Tag im Bett. Am Sonntag stirbt meine Motivation wie ein verwelktes Blatt und generell scheint alles tot zu sein an diesem Tag. In einem Beitrag habe ich mal gelesen, dass es vielen anderen Menschen auch so geht, nur wurde darin allgemein von einer Wochenendeneurose gesprochen. Ich fühle mich da nicht zugehörig. Über mich selbst würde ich behaupten, dass ich einen Hang zur Melancholie habe. Ich bade förmlich in ihr. Somit bin ich total gerne in dieser Stimmung und mag alles Düstere, schon seit immer. Als Ausgleich zum normalen Alltags-Happiness-Hype und als Gefühl, um mit dem Weltschmerz zurechtzukommen. Im Alltag ist nämlich kein Platz für Traurigkeit. In allen Bereichen soll man fröhlich sein und wenn man nichts zum Lachen hat, dann muss es eben künstlich her. Wir dürfen auch nicht mehr trauern, wenn die eigenen Eltern oder Verwandten sterben, sollte man spätestens nach dem Begräbnis wieder fit im Job stehen und funktionieren und schafft man das nicht, werden einem halt Antidepressiva verschrieben. Ich glaube auch, dass viele Menschen Angst davor haben, Melancholie wirklich zuzulassen. 

In der Kunst ist Melancholie aber kaum wegzudenken. Die Liste, der Menschen, die mittels Melancholie ihre besten Werke zustande brachten, ist ewig lang.  Hemmingway, Kafka, Melville, Flaubert, Trakl - alles bekennende Melancholiker. Melancholie ist die Muse großer Werke der Literatur, Malerei und Musik. Ihr entspringen schöpferische Anstöße, nie vernommene Erkenntnisse, der ganz andere Blick auf die Welt und uns selbst. In diesem Post möchte ich ein bisschen offenlegen, warum Melancholie manchmal ganz schön sein kann. Ein Gemütszustand, der es erlaubt über sich und die Welt nachzudenken, würde meiner Meinung nach vielen Menschen guttun. Jeder sollte sich hin und wieder dafür Zeit nehmen. In diesem Zustand ist man ganz bei sich. Wer den ganzen Tag aufgedreht war, kann das Schwelgen in Melancholie als guten Ausgleich nutzen, um wieder etwas runterzukommen. Melancholie hilft beim Verarbeiten von schlechten Zeiten und ist notwendig. Das wird einem jeder Psychotherapeut bestätigen. Probiert es aus! Dreht die traurigste Musik auf, die ihr finden könnt, macht das Fenster auf wenn es regnet und hört einfach stundenlang dem Regen zu und gebt euch euren Gedanken hin. Danach ist man viel entspannter. Bilder der Vergangenheit werden spürbar und man erkennt, dass das Leben doch wundervoll ist. Es wird euch so gehen wie Hemmingway und Kafka, ganz neue Persepektiven eröffnen sich. 

Es kann auch hilfreich sein, ein melancholisches Buch zu lesen. Diesbezüglich kann ich 10 außerordentlich melancholische Werke empfehlen:


1) Sten Nadolny - Die Entdeckung der Langsamkeit 


Das Buch erzählt die Geschichte des Entdeckers und Forschers John Franklin, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Nord-West-Passage in der Arktis suchte. Er hatte seine ganz eigene Zeit, die um vieles langsamer lief als die der restlichen Welt und das Buch enstand als Kritikwerk für die schnelllebige Zeit. Der Protagonist gibt sich darin ganz seinem eigenen Tempo hin. Eine gewisse Melancholie begleitet ihn sein ganzes Leben lang. Ich mochte das Buch total gerne.

2) Joseph Conrad - Die Schattenlinie


Ein Buch, das ich gerade lese und das vom Hanser Verlag neu übersetzt wurde, ist das Werk Die Schattenlinie von Joseph Conrad. Darin macht sich ein verträumter junger Mann auf seine erste Reise als Schiffskapitän auf, um eine günstige Ladung von hier nach Singapur zu transportieren. Auf dieser Reise geschehen viele unvorhersehbare Dinge und der junge Mann wird gezwungen plötzlich erwachsen zu werden. Ich bin zwar noch nicht ganz durch mit dem Buch, aber ich finde die Gedanken des Protagonisten total interessant und auch die abenteuerliche Stimmung in diesem Buch gefällt mir sehr gut.


3) Gedichte von Georg Trakl 


Bei Trakl verbinden sich Gedanken und Bilder von Verfall und Tod mit melancholischer Schönheit und musikalischem Wohlklang. Ich empfehle sie an einem verregneten Tag zu lesen!


4) Mark Twain - Leben auf dem Mississippi 


Ein alter Mann blickt wehleidig auf sein Leben zurück. Erinnert sich an Dinge, die es schon lange nicht mehr gibt. Mit einem gewissen Lebensalter gehts uns allen so, wie dem Protagonisten in diesem Buch. Genau in diesen Momenten erkennt man, dass das Leben doch erfüllt ist und einem wird bewusst, was man schon alles Schöne erlebt hat. Das Leben bekommt einen neuen Wert.

5) Albert Camus - Der Fremde 


«Mir wurde klar, dass ich das Gleichgewicht des Tages zerstört hatte, die außergewöhnliche Stille eines Strandes, an dem ich glücklich gewesen war. Da habe ich noch viermal auf einen leblosen Körper geschossen, in den die Kugeln eindrangen, ohne dass man es ihm ansah. Und es war wie vier kurze Schläge, mit denen ich an das Tor des Unglücks hämmerte.» Das Buch ist die Geschichte eines jungen Franzosen, der zum Mörder wird. Das Besondere an diesem Buch ist der Protagonist, der total unempathisch durch die Lektüre führt. Dieses Buch habe ich hier schon einmal vorgestellt.

6) Dostojewski - Aufzeichnungen aus dem Kellerloch 


In diesem Werk rechnet Dostojewski mit dem modernen Menschen und der von ihm konstruierten Gesellschaft ab. Dabei sitzt der Erzähler in einem Kellerloch und kommentiert bitterböse den Zustand der Gesellschaft und hegt dabei Aggressionen und Rachelust gegen sie. Der eigenen Verfall wird als notwendig geschildert und obwohl diese Aufzeichnungen eigentlich nur für sich selbst zustande kommen, wird auch der Leser direkt angesprochen. Ein Rückblick auf vergangene Lebensepisoden wird dem Leser auch gegeben. Dostojewskis Werk wurde sehr gelobt und fand viele Anhänger, besonders in der Psychologie. Nietzsche war ein großer Fan dieses Werkes.

7) Thomas Hardy - Tess (Rezension)


Bei Hardy taucht man ein in eine ländliche Welt, deren idyllische Eigenheiten der Zerstörung durch den Fortschritt der Zeit ausgeliefert sind. In dem Werk Tess verfällt die Protagonistin in heidnischen Gedanken, die total schön sind und Lust machen auf verlassene Landschaften, in denen man nur Schafen begegnet. Dabei entspinnt sich eine Story über Liebe, Sehnsucht und  Fragen nach moralischen Ansätzen in der Gesellschaft. Im Allgemeinen sind aber alle Werke von Hardy mit einer gewissen Melancholie behaftet und an dieser Stelle könnte ich irgendein Buch von ihm emfehlen, denn sie sind alle sehr lesenswert.

8) Hemmingway  - Der alte Mann und das Meer


Die Grundstimmung in diesem Buch ist total melancholisch. Schon allein der Ausgangspunkt der Geschichte löst beim Leser eine gewisse Schweere aus. Der Protagonist, ein alter Fischer, der in einem heruntergekommenen Haus lebt und seit 85 Tage nichts gefangen hat, kämpft ums Überleben. Als ihm an dem besagten Tag dann doch ein Fisch anbeisst, bricht ein Kampf Mann gegen Fisch aus. An diesem Buch mochte ich die realistischen Schilderungen und Hemmingways karge Schreibart hat total gut zu seinen Figuren gepasst.


9) Emily Bronte - Sturmhöhe (Rezension)


Ein Anwesen auf einer windgepeitschten Anhöhe und Figuren, die im Umgang miteinander alles andere als warmherzig sind, macht dieses Buch zum melancholischen Klassiker. Der immerkreischende Wind und die Schilderungen der Natur machen das Buch zu einer düsteren Lektüre, die aber sehr schön zu lesen ist.


10) Flaubert - Madame Bovary 


Eine Roman über die eheliche Untreue und schließlich den Selbstmord einer jungen Frau. Die komplette Rezension kann man hier nochmals durchlesen.


Und wie sieht das bei Euch so aus? Welchen Bezug habt Ihr zum Thema Melancholie? Und vor allem, lest ihr gerne melancholische Bücher oder Gedichte? Welche schönen Werke würdet Ihr meiner Liste hinzufügen? Ich freue mich über Eure Kommentare!!!!

Kommentare:

  1. Ich liebe Sonntage, Dunkelheit, Melancholie, düstere Filme, Musik - vielleicht gerade weil ich ansonsten ein wahnsinnig optimistischer Mensch bin? Keine Ahnung. Auf jeden Fall mag ich Komödien etc ü-ber-haupt nicht. Ich mag auch Frühling und Sommer, bin aber absolut kein Mensch der im Herbst und Winter Trübsal bläst. Ich mag es in Gummistiefeln an der Isar langzustapfen und dann durchgefroren zu melancholisch/dystopischer Lektüre aufs Sofa zu hüpfen begleitet von entsprechendem Soundtrack.

    Falls Du noch weitere düstere Literaturtipps möchtest, sag einfach Bescheid ;)
    Jetzt lass ich nur mal einen weiteren Tipp hier:
    https://bingereader.org/2016/12/05/day-5-book-a-day-challenge-cant-stop-talking-about-it/

    Ich schicke Dir liebe Grüße rüber, liebe melancholisch-verwandte Seele ;)

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    1. Huhu

      das hört sich auch alles wunderbar an. Mit Gummistiefel an der Isar rumstapfen klingt abenteuerlich :) :) :) Ich muss wohl gestehen, dass ich gerne im Herbst und Winter Trübsal blase und irgendwie bin ich gut im Traurigsein. Aber andererseits bin auch ich eigentlich ein optimistischer Mensch. Das gleicht sich also irgendwie aus :-D

      Die Lektüre auf deinem Blog ist auch immer sehr spannend für mich und ich lese öfters rein! Vielen Dank für den link und lg zurück

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  2. Hallo. Ich bin zufällig hier und als ich gelesen habe dein Blog über Melancholie habe ich mich gefreut. Ich bin Portugiesin und wir haben ein Wort für die Liebe für die Melancholie es ist das Wort >saudade<. Es gibt ganz viele Lieder und Texte. Portugiesen haben die Melancholie im Blut :-D Das erste Buch ist interessant, aber ich kenne es nicht. Der Name ist schön, das Entdeckung der Langsamkeit. LG Maria

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    1. Liebe Maria!

      Hab das jetzt googlen müssen und es ist total spannend! Da gibt es wirklich einige Kulturen mit Hang zur Melancholie. Hast du denn auch ein Lieblingsgedicht oder einen Text, den du besonders magst? Das Buch "Die Entdeckung der Langsamkeit" mochte ich auch besonders gerne!

      Vielen Dank für deinen Kommentar, muss mal schauen was das Internet noch so zur portugiesischen Melancholie ausspuckt ;)

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  3. Liebe Tin; - Melancholie ist etwas wunderschönes inspirierendes und erhellendes - ja sogar befreiendes - wer sie nicht kennt vergleicht sie eventuell mit Traurigkeit oder den Ausdruck der dann dein gesicht beherrscht mit Düsternis oder gar schlechter Laune, jener hat sicher auch noch nie bewusst meditiert - sprich über sich nachgedacht und deren
    Hach - seufz gibt es viele...
    ich folge deinen Gedanken und lächle, denn jeder nachdenkliche und in sich gekehrte Mensch ist zu manchen zeiten etwas melancholisch und für meinen teil finde ich dies völlig normal...
    gute Bücher die du zu diesem Thema mit eingestellt hast....
    vielen Dank
    und liebe Grüße
    angelface

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    1. Liebe Angelface!


      Vielen Dank! Das sehe ich ähnlich, Melancholie muss nicht unbedingt etwas mit Traurigkeit zu tun haben. Sie ist mehr das eigentliche Nachdenken über Vergangenes und über sich und die Welt. Ein Reflektieren sozusagen. Bei den Büchern hab ich mir auch Mühe gegeben die richtigen zu finden ^^

      Lg an dich zurück ;)

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