Dienstag, 20. Oktober 2015

Gottes Werk & Teufels Beitrag

Ich habe für meine Herbst-Lese-Aktion Bücher gesucht, die im Herbst spielen oder eine zum Herbst passende Stimmung hervorrufen . Buch Nr. 4 ist kein typisches Herbstbuch, weil es nicht in dieser Jahreszeit spielt, aber da die Apfelernte gerade voll im Gange ist, passt es gut dazu. Jetzt werden all die lecker Wintersorten geerntet: Holsteiner Cox, Alkmene, Orangenrenette und mmmhhh viele mehr. 

Obwohl die Geschichte sehr bekannt ist, weil es einen gleichnamigen Film mit Starbesetzung gibt, lohnt es sich dennoch das Buch zu lesen, da wie in vielen Verfilmungen sehr viele schöne Details weggelassen wurden!  Im Original heißt es "The Cider House Rules", die deutschsprachige Version ist als "Gottes Werk und Teufels Beitrag" bekannt. Das über 800 Seiten lange Werk wurde 1985 von John Irving geschrieben und bietet Lesestoff für lange, dunkle und kühle Herbsttage.

mmmh Schwedischer Mandelkuchen, das Rezept gibt es hier. Ich hab noch einen Apfel in den Teig gerieben

Inhalt:

In einer kleinen Ortschaft im US-Bundesstaat Maine befindet sich das Waisenhaus von St. Clouds. Es liegt abgeschieden, meist in Nebel getaucht, nahe einem Kiefernwald. St. Claudes wird sehr mystisch beschrieben, nahezu geisterhaft. Hierhin verirrt man sich nicht einfach so, wer nach St. Clouds kommt, der hat einen Grund. Meist sind es unglücklich schwangere Frauen, denn das Waisenhaus verfügt über eine Entbindungs- und Abtreibungsstation.

Dr. Larch, Gynäkologe und erfahrener Geburtshelfer, leitet diese Auffangstation. Auf den ersten 100 Seiten wird sein Werdegang und die Motivation, die ihn dazu bewegte sich um Waisenkinder anzunehmen, genauer beleuchtet. Dr. Larch ist der festen Überzeugung, dass jede Frau selbst darüber entscheiden sollte ein Kind auszutragen oder die Schwangerschaft abzubrechen.

Aber die Hauptperson ist eigentlich Homer Wells. Von Anfang an ist klar: Homer ist anders als die anderen Kinder. Nach einigen gescheiterten Adoptionsversuchen erlaubt ihm Dr. Larch im Waisenhaus zu bleiben, unter der Bedingung, dass er sich nützlich macht. Homer ist sehr bemüht und hilft Dr. Larch und den Angestellten, vor allem übernimmt er das abendliche Vorlesen. An dieser Stelle zeigt John Irving seine Verehrung für Charles Dickens. Jeden Abend wird aus "Große Erwartungen" oder "David Copperfield" gelesen. Dr. Larch entwickelt sich zum Ersatzvater und gibt sein medizinisches Wissen an Homer weiter. Nach und nach setzt dieser seine immer umfangreicheren Fähigkeiten schließlich auch selbst ein, indem er Dr. Larch bei Geburten (Gottes Werk) und Abtreibungen (Teufels Beitrag) hilft. So plätschert das Leben in St. Clouds vor sich hin, bis Homer schließlich fast erwachsen wird.

Eines Tages bekommt er durch Zufall die Möglichkeit St. Cloud zu verlassen und landet schließlich in den View-Obstgärten der Familie Worthington. Dort arbeitet er fleißig und hilft bei der Apfelernte.  Zum ersten Mal in seinem Leben wird Homer mit den Regeln der Gesellschaft konfrontiert. Und was er da erfährt, erteilt ihm mehr als nur eine wichtige Lektion. Hier geht leider bei der Übersetzung des Buchtitels die eigentliche Bedeutung verloren.  Die Cider-House Rules werden mit den zehn Geboten assoziiert, vor allem das Gebot: Du sollst nicht töten wird angesprochen. Ist Abtreibung Mord oder situationsabhängig gar als sinnvoll zu betrachten? Die Frage wird im Roman nicht beantwortet und dem Leser selbst überlassen. Wer Irving kennt, der weiß, dass er mit Sicherheit keine wissenschaftliche, politische oder moralische Abhandlung zu erwarten hat. Denn John Irving ist Geschichten-Erzähler!

 Fazit:

Ich habe sowohl die englische  als auch die deutsche Version gelesen, allerdings liegen Jahre dazwischen, aber  mir ist aufgefallen, dass die englische Version irgendwie viel poetischer ausfällt als die Deutsche.

Im Großen und Ganzen kann ich aber nur viel Lob für Irvings Werk aussprechen, vor allem bei den Figuren gibt sich Irving sehr viel Mühe und verleiht einer jeden Figur ihre Individualität. In seinem Buch wimmelt es nur so von verkorksten Typen - langweilig wird es nicht! Abtreibung ist nicht das zentrale Thema der Geschichte, es geht ums Erwachsenwerden, um moralische Zwänge in der Gesellschaft, um Liebe und Freiheit, um Individualität  und harte Arbeit, ohne dass dabei der Humor vergessen wird.

Verglichen zu vielen anderen Büchern von Irving ist dieses sehr realistisch und könnte so tatsächlich irgendwo passiert sein. Wer also ein spannendes, tiefgründiges Buch mit schöner Sprache und liebenswerten Figuren sucht, sollte es sich mit diesem Buch gemütlich machen.

★★★★

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